Feuerwehrfrau oder Leitung?
Beides ist Führung. Nur fühlt sich das eine an wie Überleben.
Hallo du Superheldin 🦸♀️🦸♂️
Heute möchte ich über ein Thema schreiben, das mir in der Kitawelt viel zu selten begegnet. So selten, dass ich sogar etwas Hemmung spüre, es in einem Newsletter zu thematisieren, den über 2.000 Kita-Leitungen lesen. Meine Sorge ist, dass es als nicht so wichtig abgetan wird, weil es nichts mit Zahlen, Daten, Fakten zu tun hat. Daher möchte ich dich direkt am Anfang bitten, den Newsletter bis zum Schluss zu lesen, gerade wenn du skeptisch bist.
Nehme dir die paar Minuten und wenn das Thema noch völlig neu für dich ist, öffne dich an dieser Stelle etwas kennenzulernen, das deinen Berufsalltag nicht nur leichter, sondern vor allem auch so viel sinnstiftender machen kann. Denn dieses Thema ist für dich, wenn…
du das Gefühl kennst, egal was du für deine Kita tust, es scheint einfach nicht genug zu sein.
dich immer mal wieder fragst, ob du wirklich (noch) richtig in diesem Beruf bist.
du durch die letzten intensiven Jahre wirklich erschöpft bist und dir nicht sicher bist, ob sich das jemals wieder ändert.
Also lass uns eintauchen. 🤿
Leitungsidentität.
Ich weiß, es klingt im ersten Moment groß. Vielleicht sogar ein bisschen wie eines dieser Worte, die gut auf einem Seminarplakat aussehen, aber im Alltag nichts bedeuten. Doch ich verspreche dir, es ist das Gegenteil. Es ist vielleicht das Bodenständigste, worüber wir in dieser ganzen Reihe sprechen. Denn im Kern steckt eine einzige Frage: Wer möchtest du als Leitung sein?
Die Frage kommt dir sicherlich aus deiner Zeit als Fachkraft bekannt vor. Denn vielen begegnet sie in der Ausbildung oder später in einer Fortbildung oder einem pädagogischen Tag, an dem wir über Haltung sprechen. Was für eine Fachkraft möchte ich sein? Wie möchte ich mit den Kindern umgehen? Wie möchte ich, dass sie mich erleben? Das ist Haltungsarbeit, und darin sind wir in der Pädagogik richtig gut. Wir reflektieren, wir hinterfragen uns, wir justieren nach. Zumindest sollte das bei uns so sein und da du diesen Newsletter abonniert hast, weiß ich, dass es bei dir der Fall ist.
Doch dann wurdest du irgendwann Leitung. Und wissen wir beide, was passiert ist. Für genau diese Frage ist plötzlich kein Platz mehr.
Natürlich reflektierst du auch als Leitung, keine Frage. Aber als Leitung geht es eben nicht mehr nur um deine pädagogische Haltung. Es geht zusätzlich um deine Perspektive auf Familien, es geht um dein Verständnis von Work-Life-Balance, es geht um dein Wissen über Personalführung, Widerstände und Teamdynamiken. Und vor allem geht es um deine innere Ausrichtung, die am Ende jeden Tages darüber entscheidet, wie du dich fühlst: völlig erschöpft oder mücklich (müde und trotzdem glücklich).
Eine ganz kleine fachliche Einordnung: Die Führungsforschung kennt das Konzept der Führungs- oder Leitungsidentität ziemlich genau. Es ist gut untersucht, wie stark die eigene Rollenidentität darüber entscheidet, wie jemand führt, wie klar, wie sicher, wie standhaft. Das hier ist also alles andere als Küchenpsychologie.
Deshalb ist die Frage als Leitung noch so viel größer als früher.
Als Fachkraft ging es vor allem um dich und die Kinder. Als Leitung schauen auf einmal alle auf dich. Die Familien und auch die Kinder haben ein ganz anderes Bild von dir. Dein Team orientiert sich an dir, ob du das nun möchtest oder nicht. Und auch ob sie das möchten oder nicht. Auch dein Träger spielt regelmäßig Bälle an dich, die deine unbewusst deine Standhaftigkeit und somit deine Identität prüfen.
Also stell dir die Frage ruhig in ihrer ganzen Breite. Wer möchte ich für mein Team sein? Wer möchte ich für die Familien sein? Und die Frage, die dabei am häufigsten untergeht, obwohl sie vielleicht die wichtigste ist: Wer möchte ich eigentlich für mich selbst sein, in meiner Kita?
Denn genau hier entscheidet sich alles.
Möchtest du die sein, die den ganzen Tag als Feuerwehrfrau durchs Haus rennt und jeden Brand löscht, den irgendwer gelegt hat? Die reagiert, ausgleicht, auffängt, bis abends nichts mehr von ihr übrig ist?
Oder möchtest du die sein, die wirklich führt? Die Position bezieht. Die die Leitplanken setzt, an denen sich alle orientieren können. Die die Dinge aus dem Weg räumt, die ihr Team aus dem Konzept bringen könnten, bevor sie es tun. Die nicht mehr getrieben wird, sondern selbst die Richtung vorgibt. Beides ist Leitung. Nur fühlt sich das eine an wie Überleben und das andere wie Führen.
Und weißt du, warum das so viel mehr ist als eine nette Reflexionsübung für einen ruhigen Nachmittag?
Weil deine Erschöpfung zu einem großen Teil genau daher kommt. Nicht nur aus der Menge, das haben wir in den letzten Wochen schon gesehen. Sondern daraus, dass du führst, ohne einen inneren Kompass, an dem du dich festhalten kannst. Wer nicht weiß, wer sie sein will, muss jede Entscheidung neu treffen, aus dem Bauch, jeden Tag, gefühlt hundertfach. Das zieht unfassbar viel Kraft. Eine Leitung mit einer klaren Identität trifft dieselben Entscheidungen leichter, weil sie einen Maßstab hat. Sie muss nicht mehr bei jeder Kleinigkeit innerlich ringen. Sie weiß ja, wofür sie steht.
Und dann passiert noch etwas, und das ist für mich das Schönste. Diese Klarheit macht dich unabhängig von der Anerkennung, auf die du gerade vielleicht noch wartest. Vom Nicken des Trägers. Vom Lob des Teams. Von der Bestätigung, dass du das hier schon richtig machst. Denn wenn du selbst weißt, wer du als Leitung bist, brauchst du die Erlaubnis von außen nicht mehr. Du führst dann aus dir heraus. Und genau das ist der Moment, in dem sich dieser Beruf wieder anfängt anzufühlen wie etwas, das deine Berufung ist.
Es gibt da nämlich diese Stimme tief in dir, die eigentlich ganz genau weiß, was zu tun ist. Sie war immer da. Du hast nur irgendwann angefangen, mehr auf alles andere zu hören. Auf den Träger, auf die Erwartungen, auf den nächsten kleinen Brand. Sich mit der eigenen Leitungsidentität zu beschäftigen heißt am Ende nichts anderes, als dieser Stimme wieder zuzuhören.
✍️ Für deinen Alltag
Heute gibt es keine Übung, nur diese eine Frage. Aber nimm sie ernst, denn sie kann für dich alles verändern.
Nimm dir zehn Minuten, einen Zettel und einen Moment, in dem dich keiner stört. Und dann schreib auf: Wer möchte ich als Leitung sein?
Nicht, wer du gerade bist. Nicht, die Leitung, die der Träger von dir erwartet. Sondern wer du sein möchtest. Denk dabei an dein Team, an die Familien, an die Kinder und ganz besonders an dich selbst. Wie möchtest du in deiner Kita wahrgenommen werden? Wie möchtest du dich morgens fühlen, wenn du dein Büro betrittst? Und wie, wenn du die Kita verlässt?
Schreib einfach drauflos, ohne zu bewerten. Du wirst überrascht sein, wie viel Klarheit in diesen zehn Minuten entsteht. Und wie deutlich sich das schon von deinem jetzigen Alltag unterscheidet.
💫 Aus meiner Welt
Wenn du bis hierher gelesen hast und gerade dieses Kribbeln spürst, dieses „oh, da ist wirklich was dran, da will ich mehr davon”, dann geht es dir wie mir, als ich das erste Mal auf dieses Thema gestoßen bin.
Genau deshalb war die Leitungsidentität auch ein Herzstück meiner Masterclass „Die Leitung, die wieder atmet”. Dort bin ich tiefer eingestiegen, als es hier in ein paar Absätzen möglich ist. Falls du nicht dabei warst oder es nochmal in Ruhe sacken lassen möchtest, es gibt eine Aufzeichnung.
Und weil mich dieses Thema selbst nicht mehr loslässt, entsteht gerade etwas Größeres. Ein Format, in dem wir nicht bei einer einzigen Frage stehen bleiben, sondern wirklich tief in deine Leitungsidentität eintauchen und Schritt für Schritt daran arbeiten. Die Leitungswerkstatt - Die neue Generation Kita-Leitungen. Mehr verrate ich hier heute noch nicht. Nur so viel: In der Aufzeichnung der Masterclass erfährst du als Erste, was dahinter steckt. 💛
💌 Zum Schluss
Nun bin ich natürlich neugierig, was du von diesem Thema hältst und was du dir in den nächsten Ausgaben wünscht. Daher machen wir hier eine kleine Umfrage, vielleicht sollten wir das öfters tun, damit wir ein bisschen mehr verbunden sind. Darüber denke ich mal in Ruhe nach.
Bis nächsten Dienstag.
Von Herzen
Laura - 101Visionen
Geschrieben mit einem Herzen, das beim Tippen etwas höher schlägt als sonst, weil mir dieses Thema so wichtig ist. 💛

