Haltung allein reicht nicht – warum Strukturen über Pädagogik entscheiden
Wenn Fachlichkeit im Alltag keinen Platz mehr findet.
Hallo du Superheld:in 🦸♀️🦸♂️
in unseren Kitas steigt der Druck spürbar. Gleichzeitig wissen viele Leitungen sehr genau, wie sie pädagogisch arbeiten möchten. Sie haben sich mit bedürfnisorientierter Pädagogik auseinandergesetzt, reflektieren ihr Handeln und verfügen über eine klare fachliche Haltung.
Und dennoch fühlt sich der Alltag häufig nicht stimmig an.
Als Leitung bewegst du dich permanent im Spannungsfeld zwischen professionellem Anspruch und einem System, das diesen Anspruch immer seltener trägt. Entscheidungen müssen getroffen werden, die inneren Widerstand auslösen. Situationen werden schneller gelöst, als es fachlich sinnvoll wäre.
Nicht, weil Wissen fehlt. Sondern weil Zeit, Struktur oder Rahmenbedingungen kaum Alternativen zulassen. Dieser innere Widerspruch ist kein Zeichen mangelnder Professionalität. Er ist ein Hinweis auf strukturelle Überforderung und ein krankes System.
Wenn Haltung zur Dauerbelastung wird
Viele Leitungen erleben, dass ihre Haltung zwar klar ist, im Alltag aber zunehmend Kraft kostet. Sie muss verteidigt, erklärt und immer wieder neu begründet werden.
Was eigentlich Orientierung geben sollte, wird zur dauerhaften inneren Aufgabe.
Häufig richtet sich der Blick dann erneut nach innen:
Ich müsste gelassener sein.
Ich müsste anders reagieren.
Ich müsste das besser aushalten.
Dabei liegt das Problem nicht in deiner Haltung, sondern darin, dass sie in einem Umfeld gelebt werden soll, das dir und deiner Haltung kaum Raum lässt.
Haltung kann nur wirken, wenn sie getragen wird. Und das wird sie leider nicht allein durch die innere Überzeugung. Dafür braucht es schon etwas mehr!
Wo der Haltungsdiskurs an seine Grenzen kommt
Dass pädagogische Haltung in den letzten Jahren stärker in den Fokus gerückt ist, ist grundsätzlich eine wichtige Entwicklung. Pädagogisches Handeln braucht Werte, Reflexion und ein klares Menschenbild.
Problematisch wird es dort, wo Haltung zur Hauptantwort auf strukturelle Probleme wird. Wenn gute Pädagogik vor allem als Frage der inneren Einstellung erscheint. In solchen Momenten verschiebt sich Verantwortung unbemerkt: Weg von Rahmenbedingungen – hin zur einzelnen Person. Und das in einem System, das von Menschen mit einem großen Verantwortungsgefühl sowieso schon viel zu viel fordert!
Für Leitungen bedeutet das zusätzlichen Druck. Denn du weißt sehr genau, was fachlich sinnvoll wäre, erlebst aber gleichzeitig, dass der Alltag kaum Spielräume lässt, dieses Wissen konsequent umzusetzen. Und sind wir mal ehrlich, diese Spannung bleibt nicht ohne Folgen.
Strukturen beeinflussen pädagogisches Handeln – immer
Strukturen sind nicht neutral. Sie wirken, ob wir wollen oder nicht.
Sie entscheiden darüber,
ob Gespräche in Ruhe stattfinden oder zwischen Tür und Angel,
ob Zeit für Beziehung bleibt oder permanent unterbrochen wird,
ob Reflexion einen festen Platz hat oder immer wieder verschoben wird.
Aus organisationspsychologischer Perspektive ist klar: Menschen handeln nicht ausschließlich nach Überzeugung, sondern innerhalb der Möglichkeiten, die ein System eröffnet oder begrenzt.
Auch engagierte, qualifizierte Leitungen wie du. Wenn Strukturen dauerhaft unter Druck stehen, entstehen innere und äußere Konflikte. Das ständige Abwägen zwischen Anspruch und Machbarkeit gehört für viele mittlerweile zum Alltag.
Wenn Fachlichkeit keinen Raum bekommt
Erschöpfung entsteht nicht nur durch Arbeitsmenge, die bei Kita-Leitungen mehr als hoch genug ist. Sie entsteht auch dann, wenn Fachlichkeit nicht gelebt werden kann.
Wenn klar ist, was Kinder brauchen, dies aber immer wieder nicht umgesetzt werden kann, greift das das professionelle Selbstverständnis an. Frust, Ohnmacht und innere Distanz sind häufige Folgen.
Viele meiner Leitungen beschreiben genau hier den Punkt, an dem Arbeit schwer wird.
Nicht, weil der Beruf infrage steht, sondern weil die eigene Fachlichkeit zu wenig Platz findet.
Verantwortung differenziert betrachten
An dieser Stelle braucht es einen anderen Blick auf Verantwortung. Nicht im Sinne von „Ich kann nichts tun“, aber auch nicht im Sinne von „Ich muss mich noch mehr anstrengen“.
Professionelle Verantwortung liegt dazwischen. Sie beginnt mit der Frage, unter welchen Bedingungen professionelles pädagogisches Handeln möglich ist und unter welchen nicht. Und mit der Unterscheidung, welche Strukturen veränderbar sind und welche aktuell klare Grenzen setzen.
Nicht alles lässt sich bewegen.
Aber nicht alles ist unveränderlich.
Allein diese Differenzierung kann entlastend wirken. Daher hier eine kurze Frage zur Reflexion: Welche Struktur in deinem Kita-Alltag zwingt dich immer wieder dazu, anders zu handeln, als du es fachlich für richtig hältst?
Diese Frage ist unbequem und sie öffnet einen wichtigen Denkraum. Nicht zur Schuldzuweisung, sondern zur Klarheit.
Struktur-Check zum Download
Für den Transfer in die Praxis habe ich einen Struktur-Check entwickelt. Ein kompaktes Tool, das dich dabei unterstützt, klarer zu erkennen,
wo dein tatsächlicher Gestaltungsspielraum liegt
und wo strukturelle Grenzen beginnen.
Der Struktur-Check ist kein Bewertungsinstrument und keine Anleitung zur Selbstoptimierung. Er dient der professionellen Einordnung und Entlastung.
👉 Hier kannst du den Struktur-Check kostenfrei herunterladen.
Auch wenn es schwer auszuhalten ist: Manche Bedingungen sind derzeit nicht „reparierbar“. Abstand zu nehmen, kann deshalb eine professionelle Entscheidung sein und den Selbstschutz wieder etwas höher priorisieren. Pass gut auf dich und deine Ressourcen auf.
Von Herzen
Laura - 101Visionen

