Hallo du Superheldin 🦸♀️🦸♂️
Letzte Woche ging es darum, wie aus Wissen endlich Tun wird. Über kleine Schritte, die selbst der chaotischste Kita-Tag nicht kaputtmacht. Und damit habe ich dir ein Tool gegeben, das wirklich gut funktioniert und ich selbst regelmäßig für mich nutze. Trotzdem gibt es auch immer wieder Situationen, in denen das Tool nicht funktioniert. Obwohl es selbst die größten Dinge lächerlich leicht aussehen lässt. Der Grund dafür: Ein kleiner Satz mit dem du dich selbst sabotierst. Und ich weiß, dass dieser Satz bei den allermeisten Kita-Leitungen sitzt, aber kaum jemand darüber spricht. Deshalb lasst uns genau das jetzt tun.
Also lass uns eintauchen. 🤿
🏠 Immer mittendrin
Kita-Leitung. Es ist eine Stellenbeschreibung, eine Tätigkeit, für viele sogar Berufung. Und das obwohl es immer nebenherläuft. Selbst 100% freigestellte Kita-Leitungen können sich nicht ausschließlich dieser Tätigkeit widmen. Jede Kita-Leitung, die an ihrer Kita arbeitet, arbeitet auch immer in ihrer Kita. Und zwar im doppelten Sinne. Denn euer Büro, wenn ihr überhaupt eines mit genug Platz und einer verschließbaren Türe habt, liegt mitten im Geschehen. Und deshalb könnt ihr gar nicht anders, als mittendrin zu sein. Ihr arbeitet also nicht nur physisch in eurer Kita, sondern eben auch immer als Teil des Teams mit an den Dingen, die der Alltag anspült. Es ist als Kita-Leitung unmöglich sich eine komplette Woche aus dem Alltagsgeschäft rauszuziehen, um nur an Dingen zu arbeiten, die die Kita langfristig weiterbringen. Wie die Überarbeitung der Konzeption, ein durchdachtes Einarbeitungskonzept für neue Kolleg:innen oder das eine Qualitätsthema, das du endlich einmal komplett durchdenken willst. Es bleibt liegen, nicht weil es dir nicht wichtig wäre, sondern weil der Alltag dich jeden Tag zuerst ruft.
Und genau in diesem Dazwischen, zwischen dem Arbeiten in und dem Arbeiten an deiner Kita, sitzt der Satz, um den es heute geht.
Er lautet: erst kommen alle anderen, dann komme ich.
Vielleicht hast du gerade innerlich genickt. Vielleicht denkst du auch, so schlimm ist das bei mir gar nicht. Dann lass uns kurz gemeinsam hinschauen.
Du planst dir Zeit für deine Leitungstätigkeit ein und gibst sie her, sobald eine Kollegin dich braucht. Du willst früher gehen und bleibst, weil noch ein besorgtes Elternteil an deiner Tür klopft. Du nimmst dir vor, den kleinen Schritt von letzter Woche zu gehen, und schiebst ihn, weil ja erst noch die Kinder, das Team, die Familien, der Träger dran sind. Deine eigenen Vorhaben stehen ganz oben auf der Liste und rutschen doch jeden Tag als Erstes nach unten.
Kommt dir das bekannt vor? Dann ist er da, dieser Satz. Und er arbeitet meistens völlig unbemerkt.
Und jetzt möchte ich dir etwas Wichtiges sagen, bevor wir weitergehen. Dieser Satz ist nicht mangelnde Disziplin oder sowas, dieser Satz sitzt viel tiefer und kann von dir nur sehr bedingt beeinflusst werden.
🌱 Woher der Satz kommt
Solche tiefen Sätze über uns selbst werden oft als Glaubenssätze bezeichnet. Sie entstehen früh, meist lange bevor wir überhaupt Worte dafür haben und sie fühlen sich nie an wie eine Meinung. Sie fühlen sich an wie die Wahrheit. Sie beschreiben unsere Welt, unseren Blick auf Dinge.
„Erst die anderen, dann ich” ist einer der mir unfassbar häufig begegnet. Und er betrifft besonders oft Menschen wie uns. Menschen in sorgenden Berufen, in denen es tagtäglich darum geht, für andere da zu sein. Und, seien wir ehrlich, besonders oft Frauen, denen von klein auf gespiegelt wurde, dass sie lieb, bescheiden und vor allem für andere da sein sollen. Wer sich zurücknimmt, wird gelobt. Wer sich selbst wichtig nimmt, gilt schnell als egoistisch. Kein Wunder, dass dieser Satz sitzt.
Er hat dir sogar lange gedient. Er hat dich zu einer aufmerksamen, verlässlichen, warmherzigen Leitung gemacht. Das ist der Grund, warum er so schwer loszulassen ist. Er fühlt sich nicht falsch an, er fühlt sich gut an. Nach Fürsorge, nach Verantwortung, nach genau der, die du sein willst.
Und trotzdem kostet er dich gerade wahrscheinlich mehr, als du merkst.
🕳️ Was er dich kostet
Dieser Satz hat einen Haken. Er kennt kein Ende.
Es ist ja nie so, dass alle anderen irgendwann versorgt sind und dann endlich du dran bist. In einer Kita in der Dauerkrise sind die anderen nie fertig. Es kommt immer noch eine Krankmeldung, noch ein Gespräch, noch eine Trägermail. Wenn du also wartest, bis alle anderen dran waren, dann wartest du für immer. Und du selbst kommst schlicht nie vor.
Das ist der Punkt, an dem aus einer schönen Haltung eine Falle wird. Du gibst und gibst, aus einem Fass, das niemand nachfüllt. Und irgendwann ist es leer. Dann bist du nicht mehr die warmherzige Leitung, die du sein wolltest, sondern nur noch die erschöpfte, die funktioniert. Genau die, über die wir in den letzten Ausgaben gesprochen haben.
Und jetzt kommt der Gedanke, der für mich alles gedreht hat.
💡 Der Satz stimmt sogar. Nur andersherum
Wir tun ja immer so, als wäre es entweder oder. Entweder ich sorge für andere oder ich sorge für mich. Als würde jede Minute für mich den Kindern, dem Team, den Familien weggenommen. Und genau deshalb fühlt sich „ich zuerst” so falsch an, fast schon egoistisch.
Aber das ist ein Denkfehler. In Wahrheit ist es kein Gegeneinander. Es ist eine Reihenfolge.
Du kennst die Ansage aus dem Flugzeug und du kennst es als Beispiel für jede Art der Selbstfürsorge. Setze im Notfall zuerst deine eigene Sauerstoffmaske auf, bevor du anderen hilfst. Das ist nicht egoistisch, das ist das genaue Gegenteil. Denn ohne Sauerstoff kannst du niemandem helfen, du fällst nur selbst als Erste aus. Für dich zu sorgen ist also nicht das Gegenteil von Fürsorge. Es ist die Bedingung dafür.
Eine Leitung, die für sich sorgt, hat mehr Geduld für ihr Team. Mehr Klarheit für die Familien. Mehr Kraft für die Kinder. Nicht weniger. Wenn du dich also an den Anfang deiner Liste setzt, dann nimmst du niemandem etwas weg. Du sorgst dafür, dass überhaupt noch jemand da ist, der geben kann.
Der Satz stimmt also. Nur nicht als „erst alle anderen, dann ich”. Sondern als „erst ich, damit ich für alle anderen da sein kann”.
Das ist kein Egoismus. Das ist Verantwortung. Und ja, auch das ist Führung.
✍️ Für deinen Alltag
Jetzt ist es ja nicht so, dass ich die erste bin, die dir das sagt. Überall hörst du, du sollst besser für dich sorgen, dir Pausen gönnen, dich selbst nicht vergessen. Alles gut gemeint. Und trotzdem ändert sich nichts. Weil diese Tipps an der falschen Stelle ansetzen. Sie sagen dir, was du tun sollst. Aber dein Problem ist nicht das Tun. Es ist der Satz darunter, der dir sagt, dass du es nicht darfst.
Man kann sich nämlich nicht dauerhaft anders verhalten, als man im Innersten über sich glaubt. Solange „erst die anderen” für dich Wahrheit ist, wird sich jede Pause, die du dir nimmst, anfühlen wie Verrat. Und was sich wie Verrat anfühlt, hältst du nicht durch. Deshalb arbeiten wir heute nicht am Verhalten, sondern am Satz selbst. Und zwar so, dass es mitten im Alltag wirklich geht.
Der erste Schritt ist, ihn zu erwischen. Nur bemerken, sonst nichts. Immer wenn du dich diese Woche wieder hinten anstellst, halte kurz inne und nehme das wahr. Du darfst auch gerne mit den Fingern schnipsen, als Zeichen, dass du dich gerade selbst erwischt hast. Das klingt unspektakulär und auch etwas wild, ist aber der eigentliche Hebel. Denn in dem Moment, in dem du den Satz als Satz erkennst, ist er nicht mehr die Wahrheit, sondern nur noch ein Gedanke. Und einen Gedanken kannst du anschauen, statt ihm einfach zu gehorchen. Genau diese kleine Distanz nimmt ihm die Macht.
Und jetzt kommt der Teil, den du vielleicht schon mal gehört hast, aber Vorsicht! Viele sagen, du sollst den Satz durch sein Gegenteil ersetzen. „Ich bin am wichtigsten.” Bitte tu das nicht. Dein Kopf glaubt dir das keine Sekunde! Der Satz muss nicht perfekt sein. Er muss wahr genug sein, dass du ihn dir selbst glaubst.
Deshalb such dir keinen Gegensatz, sondern eine Brücke. Etwas, das ein kleines Stück weiter geht als dein alter Satz, aber noch glaubwürdig bleibt. Zum Beispiel: „Ich darf auch auf der Liste stehen.” Nicht ganz oben, das wäre gelogen. Aber überhaupt drauf. Oder: „Wenn ich meine Prioritäten wirklich als Prioritäten behandle, hilft das am Ende auch allen anderen.” Sprich diesen neuen Satz jedes Mal leise mit, wenn du den alten erwischt hast. Nicht um dich zu überzeugen, sondern um deinem Kopf zu zeigen, dass es noch eine zweite Möglichkeit gibt.
Mehr ist es diese Woche nicht. Erwischen, benennen, den Brückensatz danebenlegen. Klingt klein. Aber das ist echte Arbeit an dem, was tief sitzt und sie wirkt weit mehr als jeder Vorsatz, dir doch endlich mal Gutes zu tun.
💫 Aus meiner Welt
Ich schreibe dir das nicht von oben herab. Dieser Satz ist auch meiner. Ich ertappe mich ständig dabei, wie ich mich hintenanstelle, gerade jetzt mit zwei kleinen Kindern und einem Unternehmen, das wächst. Der Unterschied ist nur, dass ich ihn heute erkenne, wenn er auftaucht. Und genau darum geht es. Nicht darum, den Satz für immer loszuwerden, sondern ihn zu bemerken und dann anders zu entscheiden.
Weil ich weiß, wie tief dieser und andere Glaubenssätze sitzen, ist genau das ein Herzstück der Leitungswerkstatt. Denn an solchen Sätzen arbeitet man nicht an einem Nachmittag allein mit einem Zettel. Das geht am besten begleitet, in Ruhe, mit jemandem, der mit dir hinschaut.
Du kannst schonmal ein bisschen spickeln, was ich für euch gebastelt habe:
💌 Zum Schluss
Kannst du es glauben? Nächsten Dienstag sind wir schon beim letzten Mal dieser Reihe. Sieben Wochen, in denen wir uns von der reinen Erschöpfung bis hierher vorgearbeitet haben, zu deiner Identität, deinem Tun und heute zu dem, was tief in dir sitzt. Ich kann es nicht glauben. Ich fange gerade an mich an den Austausch, an gut es ist wohl eher ein Monolog, zu gewöhnen und ihn richtig zu genießen.
Auch wenn ich nach nächstem Dienstag erstmal in einen monatlichen Rhythmus übergehe, werde ich mir mal überlegen, ob ich es nicht doch regelmäßiger unterbekomme. Ich glaube, es wird mir sonst fehlen.
Bis nächsten Dienstag.
Von Herzen
Laura - 101Visionen
Zu Ende geschrieben, obwohl ich meine Tochter nebenan mit Oma diskutieren höre. Weil ich weiß, dass ich jetzt in voller Präsenz mit ihr den Mittag genießen kann, weil ich nichts mehr im Kopf habe. 💛

